Album-Kritik: Lang lebe der Tod

Mein musikalisches Herz schlägt schon von Kindesbeinen an für Rock. Klar, wenn der eigene Vater jede Gelegenheit nutzt Bruce Springsteen* live zu sehen und jedes zweite T-Shirt im Schrank ein Konzert-T-Shirt ist.

Eigentlich also doch eher wenig verwunderlich, dass ich lange Zeit mit Green Day, Pink Floyd und Genesis mehr anfangen konnte als mit der Musik, die im Radio rauf und runter lief.

Aber seit ein paar Jahren hat sich da etwas verschoben. Angefangen hat es glaube ich mit Eminems Comeback mit dem Album Relapse. Das war das erste reine Rap-Album, das ich mir mehr als nur beiläufig angehört habe. Mit Caspers erstem Nr. 1-Album XOXO war es dann um mich geschehen.

Jetzt hat Benjamin Griffey alias Casper ein neues Album rausgebracht und ich merke, wie der Unterschied zwischen Rock und Rap kleiner geworden ist. Das erste Album Hin zur Sonne war noch Straßen-Rap. Es gab Features mit Prinz Pi und Kollegah. XOXO war sehr poppig und mainstreamtauglich. Am Ende hat mich aber ein Feature mit Thees Uhlmann von der Indie-Rock-Band Tomte überhaupt erst auf das Album aufmerksam gemacht.

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Links Lang lebe der Tod von Casper und rechts das neue Album Yours von den Beatsteaks

Zuletzt Hinterland war von keinem geringeren als dem Boss aus New Jersey selbst inspiriert und jetzt Lang lebe der Tod. Manche würden es als Krach bezeichnen. Einstürzende Neubauten, eine 80er Jahre-Band, deren Genre bei Wikipedia als Post-Industrial bezeichnet wird, war Griffeys stetiger Begleiter bei Fertigung des Albums. Viele sind enttäuscht, hatten sich nach der langen Wartezeit mehr erwartet. 10 Tracks sind nicht viel, aber diese 10 sind vollkommen.

Der titelgebende Song Lang lebe der Tod ist voller Todessehnsucht, gewaltig instrumentalisiert und ein würdiger Einstieg. Es wird klar, dass das Album nichts mehr mit Hinterland und einer einer amerikanischen Kleinstadt-Welt zu tun hat.

Alles ist erleuchtet ist nicht so positiv wie es klingt. Gesellschaftskritik und die Kunst, Helligkeit als etwas Negatives darzustellen, machen den Track zu einem der besten des Albums.

Mit Keine Angst fühlt man sich ins Jahr 2011 zurückversetzt, das Lied würde auch gut auf XOXO passen. Trotzdem macht das Feature mit Drangsal unfassbar viel Spaß zu hören und irgendwie passt der Track trotzdem auch wie Arsch auf Eimer auf genau dieses Album.

Direkt danach kommt Sirenen. Ein Song, bei dem man den Industrial-Einfluss das erste Mal nach Lang lebe der Tod wieder spürt. Für mich der mit Abstand beste Song.

Lass sie gehen hat nichts mit irgendeiner verflossenen Liebe zu tun, vielmehr ist es eine Klage über die Welt, in der er dank seiner Bekanntheit lebt. Hat er auf Hinterland mit Jambalaya noch seinen Erfolg gefeiert, ist er jetzt genervt von den Journalisten, die ihn nicht in Ruhe lassen und von Leuten, die seine Privatsphäre nicht akzeptieren. Wie schon bei Keine Angst gibt es einen Feature-Partner für den Refrain, den Rapper Ahzumjot, der auch erst kürzlich eine neue Single rausgebracht hat.

Ungewohnt konkret politisch kommt Morgellon daher. Ein Song über Filterblasen, Fake-News, Das-Wird-Man-Ja-Wohl-Noch-Sagen-Dürfen und Verschwörungstheorien, der so aktuell ist, dass es wehtut. Da fällt dann auch fast gar nicht mehr auf, dass der Flow nicht gut ist und die Reime teilweise sehr gebrochen sind. Die Message ist cool, in Sternen würde ich 3 von 5 geben, einfach weil er musikalisch gegenüber den anderen nicht so stark daherkommt.

Wo die wilden Maden graben hat diese Wir-Komponente, die Casper gerne in seine Songs einbringt, inne. Instrumentiert wie ein wirklicher Rock-Song, richtet er sich wieder einmal an die junge Generation, die durch dauerhafte Erreichbarkeit ihr Leben verliert und in der Massentauglichkeit das wichtigste auf der Welt ist.

Deborah klingt wie eine Beschreibung von Depressionen. Sie hatte schon jeden in der Stadt und sie lässt ihn auch nach zwei Jahren nicht los. Man merkt, dass depressive Phasen über Casper herüber gerollt sind.

Seine Bekanntheit ist ihm nicht mehr geheuer, er steht nicht mehr gern im Rampenlicht. Meine Kündigung greift wieder den Tod auf. Er möchte nach dem Tod keine Denkmäler von sich, will endlich seine Ruhe haben.

Der Schlusstrack Flackern, flimmern ist ein würdiger Abschluss, ein Hoffnungsschimmer in der sonst sehr düsteren Stimmung des Albums, eine Liebeserklärung an jemanden, der ihn zu retten scheint. Ob es seine Frau ist, bleibt offen. Das Album endet mit einem Schlagzeugsolo und dem Refrain von Flackern, Flimmern. Mir läuft immer ein Schauer über den Rücken, wenn ich das Ende höre, weil es einerseits ein Licht am Ende des Tunnels bedeuten kann, andererseits aber auch der Tod selbst das Ende sein könnte.

Die Songs sind rockig, man hört Gitarren und Bässe. Während die Rapwelt noch versucht Hinterland zu kopieren, ist Benjamin Griffey schon in einer ganz eigenen Welt und erfindet sich wieder einmal komplett neu. Meine beiden Musikherzen, das für Rap und das für Rock, pochen im Gleichtakt zu der Musik.

Insgesamt ist das Album kurz, dafür passt aber jeder einzelne Song perfekt rein. Die LP bekommt man für 21,99€ mit CD statt Download zum Beispiel auf Amazon.

Fazit: ***** weil der Preis für zehn Songs wirklich happig ist und zehn Songs generell sehr wenig sind und auch ich mir nach einem Jahr Verspätung mehr Songs erhofft habe. Die Songs selbst entschädigen aber für einiges und die Feature-Partner ebenfalls.

*Durch Klicken auf die Links wirst du zu Spotify weitergeleitet, wo du dir die Künstler und Alben kostenlos anhören kannst.

 

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9 Kommentare zu „Album-Kritik: Lang lebe der Tod

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