Eine menschliche Bürokratie – Die Hauptstadt von Robert Menasse

*Rezension – Kennzeichnung als Werbung nach

Danke an den Suhrkamp-Verlag für das Rezensionsexemplar. Es tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat.

Das Buch „Die Hauptstadt“ stand schon länger auf einer Must-Have-Liste in meinem Handy. Ich glaube, es wurde einmal bei Aspekte vorgestellt, ganz sicher bin ich mir aber nicht.

In Brüssel kommen Menschen aus 28 Nationen zusammen, um für die Europäische Union zu arbeiten. Die EU-Welt in Brüssel ist geprägt von Intrigen, Bürokratie und einem erstarkenden Nationalismus, der das Konstrukt eines vereinten Europas zu zerstören droht.

Menasse

Durch unsinnige Reglementierungen und Bestrebungen, eine supranationale Entscheidungsdistanz zu errichten, ist das Image der EU und insbesondere der EU-Kommission im Keller.

Wer weiß denn noch, was die Aufgaben der Kommission sind, wofür sie überhaupt da ist? Und wer kennt einen anderen Kommissar als den, den Deutschland stellt, oder überhaupt einen?

Robert Menasse hat ein Buch geschrieben, das einerseits zeigt, dass in Brüssel echte Menschen Verträge in zähen Prozessen verhandeln und andererseits diese Menschen nicht nur aufgrund der Herkunftsländer so heterogene Interessen vertreten, dass die Arbeit der Union sehr erschwert wird.

Nationalismus und nationales Denken macht Menasse als eines der größten Probleme aus, mit denen die EU zu kämpfen hat. Als Vorläufer eines übernationalen europäischen Staates gedacht, ist sie am Ende doch nur ein loser Zusammenschluss von 28 Ländern, die sich in kaum einer Sache einig sind.

Im wesentlichen gibt es fünf Hauptcharaktere, von denen zwei bei der Kommission arbeiten und drei nicht. Auf eine bestimmte Weise sind alle Charaktere irgendwie miteinander verbunden.

In der Kommission:

Fenia Xenopoulou

Fenia, genannt Xeno, stammt aus einer ärmlichen zypriotischen Familie, besitzt den griechischen Pass und ist Karrierefrau. Sie arbeitet im Ressort Kultur und plant mit ihren Mitarbeitern die Begehung des 50. Geburtstags der Kommission. Sie wird als sehr pragmatisch beschrieben und will über die Arche, wie ihr Ressort genannt wird, den Sprung in bessere Kommissionen schaffen.

Martin Susmann

Martin ist ein normaler österreichischer Beamter, der im Konflikt zwischen seinem Arbeitgeber, der Europäischen Union, die nationale Wirtschaftspläne zu europäischen machen will, und seinem Bruder, dem Erben des Schweinemastbetriebs der Eltern, der für Österreich Verträge mit China aushandeln will, steht. Susmann ist derjenige, der die entscheidende Idee für das Jubiläum beisteuert.

Außerhalb der Kommission:

Kommissar Émile Brunfaut

Brunfaut ist Polizist und wird zu einem Mordfall bestellt. Als er die Ermittlungen aufnehmen will, sind alle Daten zum Fall gelöscht. Im Laufe des Buches findet er mehr darüber heraus, was dahintersteckt.

David DeVriend

DeVriend kommt relativ zu Beginn des Buches in ein Altersheim, in dem er behandelt wird wie ein kleines Kind, obwohl er noch recht fit im Kopf ist. Zunächst wirkt der Charakter in dem Buch fehl am Platz, weil er nicht in die Geschichte passen will, doch auch er gehört zum Netz der Charaktere.

Alois Erhart

Erhart ist österreichischer Wirtschaftswissenschaftler und emeritierter Professor. Er ist in Brüssel, um einem „Think Tank“ beizuwohnen, in dem die Zukunft der EU besprochen werden soll. Die Ergebnisse sollen sogar den wirklich hohen Tieren zukommen. Der „Think Tank“ entpuppt sich als Farce und Erharts Abschlussplädoyer wirkt vor der geradezu lethargisch eingerosteten Maschinerie der größten Bürokratie der Welt wie ein Wirbelsturm, der dem Leser zu denken gibt. Radikaler kann ein Abschlussplädoyer kaum sein.

Einige Thematiken ziehen sich durch die ganze Geschichte. Sensationsgier, Hilflosigkeit, Tod und auch der Holocaust wird mal mehr mal weniger subtil angeschnitten.

Insgesamt wirkt das Buch wie eine Mischung aus Kafka und James Joyce (beide werden als Namen von Essenslokalitäten genannt). Die kleinen ironischen Bemerkungen, die eine Weile brauchen, um ihre ganze Wirkung zu entfalten, nehmen das Ernste, das dieser Roman eindeutig hat, weg und als Leser kommt man kaum darum herum, dass auch im Falle der EU „gut gemeint“ manchmal die kleine Schwester von „schlecht“ ist.

Menasse lässt einen mit dem Eindruck zurück, die komplexe Maschinerie nicht einmal ansatzweise zu verstehen und jeder am Ende doch nur ein Rädchen ist, das seine Arbeit tun muss, damit das ganze nicht ins Stocken gerät.

Fazit:

Spannend kann man das Buch nicht nennen, für Menschen, die sich für Politik, insbesondere die Europäische Union interessieren, ist es aber durchaus interessant. Der Schreibstil ist angenehm und die Geschichte lässt sich leicht lesen. Besonders die Ironien haben mir gut gefallen und die Charaktere waren sehr anschaulich gezeichnet.

Xenos Gewissensfrage lässt einen nachdenken und hat mich immer noch nicht losgelassen. Insgesamt ein sehr gutes Buch, das mir besser gefallen hat als nach den ersten 50 Seiten gedacht.

Handlung: 5/5

Charaktere: 4/5

Spannung: 2/5

Schreibstil: 6/5

 

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